Obadja: Mitgefühl für unsere Feinde

Das Buch Obadja verkündet Gericht über die Edomiter, ein Volk, das mit den Israeliten verwandt ist. Esau, der Bruder Jakobs und Sohn Isaaks, war ihr Vorfahre. Seit den Tagen Esaus hatte sich unter den Edomitern ein brennender Hass auf Israel entwickelt. Sie waren Feinde Israels, seitdem es beide Völker gibt. Als das Volk Israel auf dem Weg nach Kanaan war, weigerten sie sich, Israel durch das Land ziehen zu lassen, und zur Zeit der Könige rebellierten die Edomiter gegen die Herrschaft von Juda. Zwischen diesen beiden Völkern war keine Freundschaft zu erwarten.
Mit diesem Hass im Hinterkopf, stell dir vor, wie du dich fühltest, wenn du siehst, wie die Hauptstadt von Juda, die Stadt Jerusalem, von den Babyloniern zerstört und geplündert wird. Dein größter Feind hat gerade einen Schlag erlitten, von dem er sich nicht mehr erholen kann. Die Edomiter konnten einfach warten und zusehen, wie ihr Feind verwüstet wurde. Sie brauchten nichts dafür zu tun. Sie tranken und feierten, weil endlich ihre Rachegefühle befriedigt waren. (Obadja 1,16 NeÜ) Schließlich nahmen sie sogar an der Plünderung der Stadt teil. Sie raubten den Reichtum Jerusalems und nahmen die Flüchtlinge, die um ihr Leben rannten, gefangen und führten sie zu den Babyloniern.

Doch Gott schildert Obadja die Ungerechtigkeit (Obadja 1,1), und der Prophet beginnt, Gottes Gericht zu verkünden. Die Edomiter hatten vergessen, dass das Volk von Juda ihre Familie war. Es war ihr Bruder Jakob, der vernichtet wurde. Er erinnert sie an ihre Geschichte. “Seht ihr, wie alles angefangen hat?” Er erinnert Edom daran, dass es nicht an ihnen ist, zu richten. Der Tag des Herrn ist über Juda gekommen, aber er ist nahe für alle Völker. (Obadja 1,15) Gott ist der Richter, und es ist Edoms Sache, sich um ihre Brüder, ihre Feinde, zu kümmern.
“Ihr wisst, dass es heißt: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.‘ Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. So erweist ihr euch als Kinder eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne über Böse und Gute aufgehen und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr dafür wohl verdient? Denn das machen auch die Zöllner. Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr damit Besonderes? Das tun auch die, die Gott nicht kennen. Deshalb sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.” (Matthäus 5:43-48)

Es liegt Gott am Herzen, dass die Edomiter ihre Feinde lieben, aber das dürfte für sie ein fremder Gedanke gewesen sein. Die Botschaft Obadjas hat sie wahrscheinlich wütend gemacht. Für sie war das Urteil über Juda verdient (was es auch war), warum sollten sie sich also nicht freuen können? Das ist etwas, das auch für uns normal ist. Wir sehen uns die Nachrichten an und denken: “Es wäre eine tolle Nachricht, wenn Kim Jong Un tot wäre. Eine böse Weltmacht weniger.” Das dachte ich auch. Aber Gott ist radikal, und selbst in solchen Situationen müssen wir lieben und uns kümmern. Das ist schwer vorstellbar, aber das ist es, wozu Gott uns aufruft. Unsere Feinde zu lieben klingt wie ein Klischee, aber ich glaube, es sind die kleinen Dinge. Es bedeutet, nicht eifersüchtig zu sein, wenn ein Kollege befördert wird, der Schwester das größte Stück Kuchen zu geben, anzubieten, den Abwasch zu machen, obwohl derjenige dich gerade verletzt hat. Es geht darum, sich zu demütigen, auch wenn dein „Bedürfnis nach Rache“ dir sagt, dass du etwas anderes tun sollst. Es geht darum, den Fokus darauf zu legen, sich um die andere Person zu kümmern, anstatt stolz und stur zu sein.

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